ATLAS DER SPRACHE

AT-134-036 · ATLAS 262

Mimesis

Gestaltende Nachahmung oder Vergegenwärtigung von Handlungen, Stimmen und Welten in Kunst und Erzählung.

Teil des Themenwegs Poetik, Narration und Darstellung

Warum dieser Begriff im Atlas?

A · Analysebegriff R1 · Eigenständiger Erkenntnisbeitrag

Mimesis erschließt die gestaltende Beziehung zwischen Darstellung und dargestellter Welt über einzelne Figuren hinaus. Historische Theorievarianten müssen erkennbar bleiben, damit Nachahmung nicht als bloß genaue Kopie erscheint.

Farben und Aufnahmegründe

Die rechteckige Kennzeichnung benennt die Eintragsfunktion: F – sprachliche Figur oder Verfahren; A – Analysebegriff; G – Grundlagenbegriff; E – ausgewählter konkreter Fall. Die abgerundete Plakette benennt den Aufnahmegrund: R1 – eigener Erkenntnisbeitrag; R2 – notwendige Grundlage; R3 – begründeter exemplarischer Fall. Diese redaktionelle Begründung erklärt die heutige Auswahl, nicht eine nachträglich behauptete ursprüngliche Auswahlgeschichte.

Vertiefung

Mimesis bezeichnet nicht bloß spiegelgetreue Nachahmung, sondern die gestaltende Vergegenwärtigung von Handlungen, Stimmen, Erfahrungen oder möglichen Welten. Darstellung wählt, ordnet und formt; sie kann Wirklichkeit wiedererkennbar machen und zugleich Modelle dafür anbieten, wie diese Wirklichkeit verstanden, gefühlt oder beurteilt werden soll. Je nach Theorie steht das Verhältnis zum Vorbild, die schöpferische Hervorbringung einer eigenen Welt oder die körperlich-soziale Aneignung von Mustern im Vordergrund. Die Denkbewegung fragt deshalb, was dargestellt wird, durch welche medialen Verfahren Präsenz entsteht und welche Differenz zwischen Darstellung und Dargestelltem den Erkenntnis- oder Täuschungseffekt überhaupt ermöglicht. Eine Darstellung kann Unmittelbarkeit herstellen, ohne unbearbeitete Wirklichkeit zu sein. Ein erfundener Dialog mit jedem Räuspern und Satzabbruch wirkt vielleicht genau beobachtet; Stimme, Ausschnitt und Reihenfolge bleiben dennoch gestaltet. Erkenntnis kann daraus entstehen, aber nicht automatisch ein wissenschaftlicher Beweis. Literarischer Naturalismus als Strömung, naturalistisches Verfahren und philosophischer Naturalismus sind außerdem verschiedene Begriffe. Die historische Experimentalmetapher ist ein Anspruch, kein bereits durchgeführtes Experiment. Dialekt und gesprochene Syntax sind dabei nicht von sich aus Fehler oder Zeichen geringerer Fähigkeiten ihrer Sprecherinnen und Sprecher.

Denkbewegung

1. Ein möglicher Gegenstand, Vorgang oder Darstellungstyp wird als Bezugspunkt der Gestaltung identifiziert. 2. Auswahl, Anordnung, Stimme und Medium zeigen, dass Nachahmung immer bereits Formung ist. 3. Die erzeugte Welt wird daraufhin untersucht, welche Wahrnehmungs- und Bewertungsposition sie eröffnet. 4. Abstände und Brüche zwischen Darstellung und Vorbild machen Erkenntnis, Kritik oder Illusion sichtbar. 5. Historische Theoriebegriffe klären, welcher Mimesis-Sinn im jeweiligen Argument tatsächlich gemeint ist.

Wissenschaftlicher Anwendungsfall

Literatur-, Theater-, Medien- und Kunstwissenschaft sowie Anthropologie analysieren Mimesis als Verhältnis von Welt, Form und Handlung. Sie unterscheiden theoretische Traditionen und prüfen Repräsentationsmacht, Verkörperung und Rezeptionsbedingungen.

Beispiel

Ein Hörstück bildet kein reales Gespräch wortgetreu ab. Durch Pausen, überlagerte Stimmen und wiederkehrende Geräusche lässt es jedoch erfahrbar werden, wie Erinnerung eine gemeinsame Vergangenheit zugleich bewahrt und verändert.

Gegenbeispiel

Äußerliche Ähnlichkeit allein beweist keine relevante Mimesis, wenn keine gestaltete Darstellungshandlung oder Vergegenwärtigung vorliegt. Umgekehrt ist eine nicht-naturalistische Darstellung nicht schon deshalb antimimetisch.

Abgrenzung

Von Kopie, Imitation im engen Verhaltenssinn und Repräsentation als neutralem Stellvertreten unterscheiden. Mimesis umfasst die produktive Formung, durch die Handlungen und Welten sinnlich oder narrativ gegenwärtig werden.

Wirkung auf Denken und Wahrnehmung

Mimesis macht Abwesendes oder Mögliches gegenwärtig und lädt zur probeweisen Teilnahme ein. Gerade ihre Anschaulichkeit kann jedoch Auswahl und Konstruktion als natürliche Wirklichkeit erscheinen lassen.

Resonanz

Eine dargestellte Welt antwortet der erfahrenen Welt, ohne mit ihr zusammenzufallen. In dieser Differenz entsteht ein Raum, in dem Wirklichkeit wiederkehrt und zugleich anders werden kann.

Etymologie

Fachterminus; Etymologie im Quellenpass zu vertiefen

Provenienz

Poetik/Narration → Darstellungsmodus → Quellenabgleich → ATLAS_134

Diesen Eintrag zitieren

Reich, Michael (Hrsg./ed.): „Mimesis“. Atlas der Sprache, AT-134-036. ATLAS 262, Datenmodell 1.6.0. https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-036

https://atlasdersprache.de/begriff/AT-134-036

Die Adresse bleibt stabil; der Inhalt kann redaktionell fortgeschrieben werden. Redaktioneller Lesestand: 2026-10-20. Für genaue Nachweise zusätzlich das Abrufdatum angeben.

Historischer Hintergrund

Peacham beschreibt Mimesis 1593 als Nachahmung von Worten, Stimme, Aussprache und Gebärden. Sein Vergleich mit Spiegel und Echo verdeutlicht den verkörperten Vollzug; seine Warnung vor schmeichelnder Karikatur trennt Wiedererkennbarkeit von Fairness. Bullinger behandelt 1898 besonders die Darstellung fremder Äußerungen und charakteristischer Wörter. Beide Quellen belegen einen rhetorischen Zweig, nicht die gesamte Geschichte ästhetischer Weltdarstellung. Das weitere Atlasprofil benötigt diese Reichweitengrenze, damit Stimmenimitation nicht als erschöpfende Erklärung jeder künstlerischen Mimesis erscheint.

Was die Begriffsgeschichte für die Analyse verändert

Nachahmung ist Formung; erkennbare Nähe beweist weder Vollständigkeit noch Gerechtigkeit.